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Vokalensemble
Rhein-Lahn

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Rhein-Zeitung Ausgabe RLZ vom 08. November 2018
Bericht & Foto: Ulrike Bletzer

Musikalischer Brückenbau erfreut Publikum

Vokalensemble Rhein-Lahn begeisterte mit seinem Herbstkonzert

Dachsenhausen. WSturm auf die Bastille? Nein, aber aufs Dachsenhäuser Bürgerhaus. „Eigentlich haben wir genauso viele Karten verkauft, wie es Plätze gibt“, sinnierte Franz Rudolf Stein vor Veranstaltungsbeginn. Uneigentlich aber waren es dann doch einige Konzertbesucher mehr als erwartet und folglich Improvisationstalent gefragt. Also schnell noch ein paar Stühle herbeigeschafft, und es konnte losgehen mit diesem offensichtlich heiß begehrten Konzert des Vokalensembles Rhein-Lahn, dessen Dirigent Stein bekanntlich ist.

Ein zu Recht heiß begehrtes Konzert, wie sich alsbald herausstellen sollte. Denn die „Hitparade der Rock-Pop-Classics von den 70er-Jahren bis heute“, so die offizielle Ankündigung zu diesem Spektakel, war gleichermaßen unterhaltsam wie musikalisch anspruchsvoll, gleichermaßen entspannend wie der Mühe des konzentrierten Zuhörens wert. „Hintergedanken“ inklusive: Man wolle mithilfe der Musik Brücken zu den Zuhörern bauen, erklärte Vorstandsmitglied Bärbel Adt-Clempau eingangs mit Blick auf den zum Einstieg gesungenen Joy-Flemming-Titel „Ein Lied kann eine Brücke sein“ – und beschwor die Nostalgie herauf, die dieses Konzert ebenfalls reichlich auf Lager hatte. Denn auf dem Programm der im ersten Teil deutsch-, im zweiten Teil dagegen englischsprachigen Veranstaltung standen zahlreiche vor geraumer Zeit komponierte und getextete, viele im Publikum an ihre Jugend erinnernde, zugleich aber zeitlos schöne Klassiker. Dazu gehörten, um nur drei Beispiele zu nennen, der einst von Louis Armstrong vor dem Hintergrund der Rassenunruhen in den USA gesungene, vor Lebensbejahung sprühende Song „What A Wonderful World“, Marius Müller Westernhagens zur Hymne der deutschen Wiedervereinigung avancierte, eigentlich aber durch die Französische Revolution inspirierte „Freiheit“ oder der Schlager „Wunder gibt es immer wieder“, mit dem es Katja Ebstein – auch das historisch bemerkenswert – anno 1970 beim Eurovision Song Contest auf den dritten Platz schaffte. Unter anderem bei diesen drei sehr unterschiedlichen Titeln bewies das Vokalensemble einmal mehr, dass es ein bestens aufgestellter, sich auf einem hohen musikalischen Niveau bewegender Chor ist. Besonders deutlich zu hören war dies logischerweise auch beim einzigen A-cappella-Stück: „Only You“ in der Version der Flying Pickets. Punktgenaue Intonation, schlafwandlerisch sichere Stimmführung, ein voller, harmonischer Chorklang – oder anders ausgedrückt: Franz Rudolf Stein hatte mit seiner Truppe wieder einmal ganze Arbeit geleistet. Apropos einziges A-cappella-Stück: Für den perfekten, je nach Titel und inhaltlicher Aussage mal fetzigen, mal eher dezent im Hintergrund verharrenden Begleitsound sorgte eine vierköpfige Band mit Harald Meyer am Klavier, Volker Langenbahn am Bass, Marius Kaffiné an den Gitarren und Jonas Kaffiné am Schlagzeug.

Ein wahrhaft dynamisches, mitreißendes, sehr modernes Konzert war es also, das noch dazu mit mehr als einem halben Dutzend Solisten aufzuwarten hatte: Da war zum Beispiel Petra Dönges, die mit ihrer ausdrucksstarken, emotional berührenden Performance als Solistin bei Bernd Hennings DDR-Schlagerklassiker „Jugendliebe“ und gemeinsam mit Hermann Minor bei Bette Middlers „From A Distance“ begeisterte. Minors Bariton bildete zudem beim 70er-Jahre-Ohrwurm „Im Wagen vor mir“ einen reizvollen Kontrast zur mädchenhaft hohen, klaren Stimme von Mareike Fritz – ein hochgradig unterhaltsamer, origineller Beitrag, dem das „Bühnenbild“ in Form zweier Pappmaschee-Autos zusätzlichen Pfiff verlieh. Katharina Wolf wiederum verstand es, mit ihrem nuancierten Vortrag bei dem melancholischen, da von einer gestörten Beziehungskiste handelnden Silbermond-Song „Symphonie“ und später, bei der ersten Zugabe, beim Abba-Megahit „Thank You For The Music“ in den Bann zu ziehen. Keine Frage, dass dieses Konzert nicht ausschließlich, aber vor allem auch von den unterschiedlichen, ein großes Spektrum abdeckenden Solisten lebte. Denn da war beispielsweise auch noch Michael Scholl, der mit viel authentischem Flair, aber ohne dabei auch nur ansatzweise in die Nähe einer platten Niedecken-Imitation zu geraten, den BAP-Song „Verdamp lang her“ zu Gehör brachte und mit dem Rhythm-and-Blues-Standard „Stand By Me“ längst vergangene Zeiten wieder lebendig werden ließ. Oder Marius Kaffiné, der bei Roger Ciceros „In diesem Moment“ sämtliche Register zog. Oder, um ein weiteres Mitglied der Familie Kaffiné zu nennen, seine Schwester Julia, die mit „Have You Ever Seen The Rain“ der Gruppe Clearwater Revival für begeisterten Applaus sorgte.

Das Vokalensemble setzte sogar noch einen drauf: Mit der durch die Fernseh-Castingshow „The Voice Kid“ bekannt gewordenen Sängerin Emily Valerius hatte es sich einen jungen Stargast eingeladen. Und der rockte vollends den Saal: Als Emily Valerius bei „Eye Of The Tiger“ und „Like The Way I Do“ voll aufdrehte, verstand man, was Edith Potthas gemeint hatte, als sie dem Publikum empfahl: „Halten Sie sich gut an den Stühlen fest, denn jetzt weht ein ganz anderer Wind.“

Womit wir bei der nie um einen humorvollen Spruch verlegenen Moderatorin wären: Edith Potthas‘ witzig-spritzige Programmansagen verliehen der Veranstaltung zusätzliche Würze. Selbstironie inbegriffen: „Eins haben wir noch. Das möchten wir Ihnen nicht vorenthalten, schließlich haben wir ewig lang dafür geprobt“, verkündete sie vor dem letzten offiziellen Programmpunkt, der „Bohemian Rhapsody“ von Queen – einem in der Tat sehr komplexen, stilistisch heterogenen Beitrag, bei dem das Vokalensemble noch einmal alles gab.

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Mit der durch die Fernseh-Castingshow „The Voice Kid“ bekannt gewordenen jungen Sängerin Emily Valerius
hatte sich das Vokalensemble Rhein-Lahn einen jungen Stargast eingeladen.
Foto: Ulrike Bletzer